Wer die richtigen Fragen stellt, bekommt auch die gewünschten Antworten. Nach diesem Prinzip führt die Santésuisse, der Verband der Krankenkassen in der Schweiz, alljährlich eine so genannte „sondage santé“ durch, welche die Stimmungslage der Bevölkerung in gesundheitspolitischen Fragen erkunden soll.
Dabei kann der Krankenkassenverband mit Befriedigung konstatieren, dass „der Wunsch der Bevölkerung nach mehr Markt im Gesundheitswesen“ in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat: Im Jahre 2003 lag der Anteil der Marktbefürworter noch bei relativ bescheidenen 39 Prozent; inzwischen stellen sich mehr als siebzig Prozent der Befragten hinter die Forderung nach mehr Marktwirtschaft.
In ähnlichem Ausmass zugenommen hat auch die Zahl derer, die ein Bonus-Malus-System bei den Krankenkassenprämien befürworten. Wer „gesund“ lebt, soll bei den Prämien entlastet werden; wer hingegen seine Gesundheit durch eine riskante Lebensweise aufs Spiel setzt, wird mit einem erhöhten Selbstbehalt bestraft. Mehr als zwei Drittel der rund 1`200 Befragten befürworten inzwischen eine solche Lösung.
Dabei gehen die meisten von der Annahme aus, dass eine ungesunde Lebensweise automatisch auch zu höheren Gesundheitskosten führen müsse. Von den 50 Milliarden, die das schweizerische Gesundheitswesen im Jahr verschlinge, seien zirka vier Prozent auf das Rauchen zurückführen, drei Prozent auf Fettsucht und fünf Prozent auf Alkohol, rechnet die santésuisse vor, ohne zu erklären, wie sie auf diese Zahlen kommt.
Tatsächlich handelt es sich im besten Falle um vage Schätzungen, für die es nicht die geringsten statistischen Belege gibt. Eine breit angelegte Studie, die 1997 in Grossbritannien durchgeführt wurde, kam gar zum bemerkenswerten Schluss, dass die Gesundheitskosten langfristig ansteigen würden, wenn die gesamte Bevölkerung das Rauchen aufgäbe und sich konsequent den Regeln einer gesunden Lebensweise unterzöge. Die Menschen würden zwar länger leben, was allerdings auch zu einer Zunahme schwerer chronischer Krankheiten führen würde.
Doch wie auch immer. Die Anti-Tabak-Kampagne der letzten Jahre, die zunehmend die Züge einer hysterischen Gesundbeterei trägt, hat vorgezeichnet, wohin der Weg noch führen kann. So fordert etwa CVP-Nationalrätin Doris Humbel Näf einen höheren Krankenkassen-Selbstbehalt für Uebergewichtige, wenn eine Krankheit eindeutig auf das Übergewicht zurückzuführen sei. Derweil will der Luzerner Gesundheitsdirektor Markus Dürr der grassierenden Fettsucht mit einer „Fett-Steuer“ den Kampf ansagen: „Uebergewicht ist nicht mehr nur ein Problem, sondern viel mehr eine Epidemie“, sagt Dürr und kommt dabei zum Schluss: „Wenn die Eigenverantwortung nicht mehr genügt, muss eben die Politik einschreiten.“
Das bedeutet nichts Gutes. Wo es Vorschriften und Verbote gibt, braucht es auch Kontrollen. Deshalb wird es sich mittelfristig nicht vermeiden lassen, dass dem Bundesamt für Gesundheitswesen eine eigene Polizeitruppe zur Seite gestellt wird. Die Gesundheitspolizei wäre unter anderem zuständig für Raucher-Razzien in gastgewerblichen- und andern öffentlichen Räumen, und für die Bekämpfung von Missbräuchen im Krankenkassenwesen –beispielsweise, wenn ein Versicherungsnehmer in missbräuchlicher Art und Weise zu Hause auf dem Sofa döst, anstatt sein tägliches Trainingsprogramm zu absolvieren, wie es im Krankenkassen-Vertrag zur Erlangung einer Bonus-Prämie obligatorisch verlangt wird.