Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen. Bis Ende 2008 will Gesundheitsminister Pasacal Couchepin den Entwurf zu einem Präventionsgesetz vorlegen: In Anbetracht der Zunahme von „nichtübertragbaren und psychischen Krankheiten“, so Pascal Couchepin, brauche es dringend neue gesetzliche Grundlagen.
Weil man aber den Bürgern nicht einfach per Gesetz verbieten kann, krank zu werden, will Couchepin pädagogisch subtil vorgehen: „Ich plane keinen Kreuzzug gegen den modernen Lebensstil. Ich will informieren, nicht moralisieren“, verspricht der Gesundheitsminister. „Puritanische Appelle“ seien ohnehin meist kontraproduktiv.
Eine weise Einsicht. Doch obwohl Couchepin für eine Partei in der Regierung sitzt, die früher einmal mit dem Schlagwort „mehr Freiheit, weniger Staat“ Politik machte, ist er fest entschlossen, ein weiteres überflüssiges Gesetz in die Welt zu setzen. Die vielfältigen gesundheitlichen Risiken, denen der Mensch gegenüber stehe, dürften den Staat nicht einfach gleichgültig lassen, meint Couchepin. Deshalb müssten in einem Präventionsgesetz die „nationalen Präventions- und Gesundheitsförderungsziele“ festgeschrieben werden.
Dabei tut der Bundesrat so, als wüsste er ganz genau, was für den einzelnen Bürger gut ist und was ihm schadet. Ob es sich nun um vermeintlich schädliche Genussmittel handelt, um die Art der Ernährung, oder um das richtige Mass an körperlicher Ertüchtigung – was „gesund“ ist regelt künftig das Gesetz.
Die Idee zu einem Präventionsgesetz ist allerdings nicht auf dem eigenen Mist gewachsen. Ueberall in Europa basteln die Politiker zurzeit an Gesetzen zur Hebung der allgemeinen Volksgesundheit – und die lässt man sich auch etwas kosten. In der Schweiz wurden bisher für Prävention und Gesundheitsförderung jährlich rund 1,13 Milliarden Franken ausgegeben. Das sind 2,2 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben von knapp 52 Milliarden Franken. Der OECD-Durchschnitt liegt allerdings bei 2,7 Prozent, weshalb sich die Schweiz herausgefordert fühlt, ihre Bemühungen im Bereich der Gesundheitsprävention auf das europäische Niveau anzuheben.
Der Versuch, das allgemeine Wohlbefinden per Gesetz zu dekretieren, birgt allerdings eine bedrohliche Tendenz in sich, vor der schon der liberale Vordenker Karl Popper sehr eingehend gewarnt hat. Für Popper führt „jeder Versuch, das Glück der Allgemeinheit zu maximieren, notgedrungen in den Totalitarismus“.
Aber Landesvater Couchepin meint es ja nur gut mit uns. Mit Prävention und Gesundheitsförderung - davon ist er überzeugt - lassen sich vorzeitige Todesfälle und die „krankheitsbedingte vorzeitige Verrentung“ vermeiden. Erreicht werden soll das über ein Anreizsystem, das jene belohnt, die aktiv für ihre Gesundheit etwas tun und sich regelmässig screenen lassen. Wer hingegen die gut gemeinten Ratschläge und Vorschriften aus dem Präventionsgesetz einfach in den Wind schlägt, soll am Ende die Zeche selber zahlen. Bei alle dem geht es letztendlich darum, die gesetzlichen Grundlagen zu schaffen, damit die Krankenkassen das schon lange geforderte Bonus- Malus-System in der Grundversicherung einführen können.
Im weiteren soll das Präventionsgesetz aber auch „langfristig zur Dämpfung der Kostenentwicklung“ beitragen. Couchepin erwartet dabei, dass die staatlichen Informations- und Aufklärungskampagnen zu einer generellen „Stärkung der Gesundheitskompetenz bei der Bevölkerung“ führen werden. Gut informierte, kritische Patienten seien besser in der Lage, „die Leistungen der Gesundheitsversorgung differenzierter nachzufragen und zu nutzen“, meint Couchepin und erwartet mehr Preiskonkurrenz im industriellen Gesundheitsfilz.
Freilich, auch Couchepin wird kaum ernsthaft behaupten können, in der Schweiz mangle es bisher an populärwissenschaftlich aufbereiteter Information zum Thema Gesundheit. Das Füllhorn an medizinischem Infotainment, das die Medien täglich über uns ausschütten, hat bisher allerdings kaum zu kritischen Konsumenten und schon gar nicht zu einer „differenzierteren Nachfrage“ geführt. Was viel mehr stattfindet, ist eine zunehmende Hypochondrisierung der Bevölkerung, die zum Teil schon bizarre Formen annimmt.
Nicht nur die Krankheitsbilder und Diagnosen haben sich in den letzten Jahren vervielfacht, auch die Zahl der eingebildeten Kranken wird ständig grösser; wobei die panische Angst davor, krank zu werden, selbst schon wieder als neue Zivilisationskrankheit diagnostiziert wird. Wer in ständiger Furcht vor gefährlichen Krankheiten lebt, konsultiert naturgemäss öfter den Arzt und konsumiert auch mehr Medikamente, selbst dann, wenn sie keinerlei Wirkung zeigen.
So gesehen schafft das Präventionsgesetz genau das, was es nach offizieller Leseart eigentlich verhindern will: es sorgt dafür, dass die Umsätze in der Gesundheitsindustrie (und mit ihnen die Prämien der Krakenkassen) auch in Zukunft zweistellig weiter wachsen.